Wer Schuld ist, dass Schluss ist


TEXT: UNSTABLE MEDIA ORG / DOROTHY PORTER

unstable media: Mister Bemer, Sie programmierten grosse Teile von COBOL und führten damit erstmals die zweistellige Jahreszahl ein. Sind Sie verantwortlich für das Jahr-2000-Problem?

bemer: Natürlich. Unser größter Fehler war, COBOL so einfach zu machen, dass jeder die Sprache einsetzen und für seine Zwecke verwenden konnte. Aber vor 40 Jahren hatten wir keine Ahnung, wie schnell sich die Technologie entwickeln würde. 1959 war wirklich der Uranfang der Informationstechnologie. Was mich heute zum Wahnsinn treibt, dass man das Problem damals so leicht hätte lösen können. Es gab ja kaum Computer.

Dennoch waren Sie sich bereits damals der Jahr-2000-Problematik bewusst. 1960 entwickelten Sie die "picture clause", mit der das Jahr vierstellig dargestellt werden konnte. Hörte keiner hin?

Hinhören? Die Leute hätten sich am liebsten umgehend von mir entfernt. Wenn ich sie darauf ansprach, war ihnen das Unbehagen ins Gesicht geschrieben. Sie hatten ja auch keine Argumente, um mir zu widersprechen, und sagten immer nur, ich betriebe Panikmache. Kein Mensch erwartete, dass die Programme so lange eingesetzt würden. Aber ich habe schon immer gesagt: Das Problem sind nicht die Programme - das Problem sind die Daten, die Jahrzehnte überdauern werden. Die Frage ist nicht: Werden die Programme in 20, 30 Jahren noch eingesetzt oder nicht. Die Frage ist: Werden sie Daten, die sie im Jahr 1972 in ihren Computer eingaben, im Jahr 1992 oder 2002 noch brauchen?

Glaubt man den Jahr-2000-Propheten, so steht uns wechselweise das Ende der Zivilisation oder zumindest eine Rezession bevor. Wie fühlen Sie sich?

Was denken Sie? Grauenvoll! Ich verbringe schlaflose Nächte. Ich ermöglichte die Verwendung vierstelliger Jahreszahlen, und die Leute haben es vergeigt.

Sie und andere Computerwissenschaftler versuchten jahrelang, die Behörden, die Regierung und ihren damaligen Arbeitgeber IBM vor den Folgen zu warnen und drängten auf einen vierstelligen Standard für die Jahreszahl. Warum reagierte keiner?

1964 lieferte IBM in seinen System/360-Computern - unbewusst - das Jahr-2000-Problem aus. Diese Rechner beherrschten in den 60er Jahren den Markt genauso wie heute Windows. Danach war es zu spät, die Richtung zu ändern. Keiner wollte sich mit der Milleniumszeitbombe befassen, reihum hiess es: Bis das zu einem Problem wird, bin ich längst weg. Ich tat alles, was in meiner Macht stand, um die Katastrophe zu verhindern. Zumindest dachte ich, ich hätte alles getan. Aber ich mache mir Vorwürfe, dass ich es nach meiner Pensionierung 1982 vernachlässigte zu verfolgen, was die Firmen unternahmen. Erst als ich 1996 einen Artikel im Wall Street Journal las, merkte ich, dass rein gar nichts geschehen war! Ich war ausser mir. Ich hatte doch jahrelang über das Thema gepredigt und bin den Leuten damit auf die Nerven gegangen. Ich dachte, die kümmern sich darum. Tja, ich lag völlig daneben.

Haben Sie Angst vor den Folgen des Jahr-2000-Problems?

Wenn ich sehe, wie viele Unternehmen, Regierungen, Atomkraftwerke oder Raketenstützpunkte an das Problem herangehen, wird mir angst und bange. Viele versuchen zwar, ihre Systeme Jahr-2000-kompatibel zu machen, aber oft verfolgen sie falsche Lösungsansätze.

Was machen sie falsch?

Sie unterlassen es häufig, in ihren Datenbeständen die Jahreszahl von zwei auf vier Stellen zu erweitern. Statt dessen stellen sie die Quellprogramme um, mit denen die Daten gelesen werden. Somit enthalten die Datenbestände niemals die komplette Jahreszahl, denn es fehlen die ersten zwei Ziffern - die 19 oder die 20. Das wird unweigerlich zu Problemen führen. Ich vergleiche diesen Lösungsansatz mit einem Buch: Sie haben verschiedene Leser, die die verschiedenen Programme oder Programmteile darstellen. Nun informieren sie jeden einzelnen Leser: ' Übrigens - wenn Sie auf der Seite 6 des Buches bei Zeile 68 angelangt sind, bedeuted die 68 in Tat und Wahrheit 2068.' Um diese Tour erfolgreich durchzuziehen, müssen sie jeden einzelnen Leser erreichen. Es ist doch viel einfacher, mit einem Rotstift über die 68 eine 20 zu schreiben. Dann weiß jeder, der zu der Stelle kommt, egal ob sie einen Leser haben, oder nicht, dass es sich bei der Zahl um das Jahr 2068 handelt. Im Moment entscheiden sich viele Unternehmen immer noch für kurzlebige Übergangslösungen: Ist die Zahl grösser als irgendwas, dann handelt es sich vermutlich um eine 19 - ist sie kleiner, handelt es sich vermutlich um eine 20. Das ist doch kein Fix. Damit korrigiert man die Daten nicht. Das kann nicht gutgehen. Deshalb treten bei den Testläufen so viele Fehler auf. Die Experten, die die Systeme modifizieren, finden entweder nicht alle zu manipulierenden Stellen, oder wenn sie sie finden, wissen sie nicht genau, was das Programm an der Stelle wirklich macht. Programme sind sehr komplex, und meist ist es nicht klar, was der Programmierer genau machte oder beabsichtigte. Programmierer sind ja berüchtigt für ihre Tricks und dafür, diese nicht zu dokumentieren.

Aber gerade Grossunternehmen verkünden, doch unentwegt ihre Jahr-2000-Kompatibilität...

Alle erzählen, wie phantastisch alles läuft. Bill Clintons Jahr-2000-Zar John Koskinen will uns weismachen, dass die Umstellung in den USA ein Picknick ist. Wir müssten uns nur Sorgen machen über Länder wie Italien und Deutschland. Angesichts solcher Blauäugigkeit ergreift mich die kalte Wut! Und ich weiss nicht, wie ich diese Entwicklung aufhalten kann.

Was halten Sie von Massnahmen wie Urlaubssperren oder Einsatztrupps in den Rechenzentren am 31.12.1999?

Das ist doch lächerlich! Die Leute glauben, sie können einfach in den Computerraum rennen und das Problem korrigieren - und alles läuft wieder. Es ist unfassbar. Ebenso grotesk ist die Annahme, dass man im Westen x Stunden mehr Zeit hat, weil Taiwan wegen der Erdrotation früher betroffen sein wird und wir dadurch eine Frühwarnung erhalten. Die meisten haben die Problematik überhaupt nicht begriffen. Es gibt viele kritische Daten, die zu Computerausfällen führen werden - der 31.12.1999 ist nur eines davon.

Das grosse Problem ist also nicht die Sekunde, wenn die Uhr in der Silvesternacht auf 00:00 springt?

Natürlich wird es da auch Ausfälle geben. Aber ich erwarte bereits vorher schwerwiegende Auswirkungen. Und es gibt ja auch schon genügend Berichte von Problemen. Und dann ist da auch noch die Schaltjahrproblematik am 29.Februar 2000. Wir werden bis weit ins nächste Jahr mit den Auswirkungen des Jahr-2000-Problems zu kämpfen haben. Und wir werden es nicht in jedem Fall mit offensichtlichen Computerabstürzen, Lift-Stillständen und verrückt spielenden Fließbändern zu tun haben. Es ist ein schleichender Prozess, den man in der Buchhaltung, im Bestellwesen, in der Logistik etwas möglicherweise erst Wochen, ja Monate später feststellen wird.

Wie verbringen Sie die Neujahrsnacht?

Fernab von jeglichem Rummel - und fernab von Leuten. Ich werde den Abend mit meiner Frau hier in unserem Haus in Texas verbringen. Ich werde mir wohl einen Scotch mehr als üblich genehmigen.

Wie kommt es, dass die Leute, die wirklich etwas vom Programmieren verstehen, sehr besorgt sind, während alle anderen glauben, alles im Griff zu haben?

Es erinnert mich an die "reporting chain". Nehmen wir an, ich bin ein kleiner Angestellter, über mir befinden sich drei Management-Ebenen. Nun berichte ich meinem Boss, dass zuhinterst auf dem Firmengelände ein Tyrannosaurus Rex sein Unwesen treibt und Leute frisst. Mein etwas rückgratloser Chef schwächt den Report an seinen Vorgesetzten leicht ab, der macht das gleiche und so weiter und so fort. Und schon bald kommt der Vorstandsvorsitzende und verkündet: "Haha, habt ihr gehört? Der knuffige, violette TV-Dinosaurier Barney tollt hinten im Garten herum".Um wirklich herauszufinden, was los ist, muss man sich in die Werkstatt bequemen. Die Leute, die die Programme benutzen, müssen gefragt werden. Programmierer müssen gefragt werden. Ich höre so oft von verzweifelten Programmierern, die lange vergeblich versuchten, ihre Vorgesetzten auf die Probleme aufmerksam zu machen. Manche reden sich bis heute den Mund fusslig - ohne Resultate.

Sie haben eine Firma gegründet und eine Software entwickelt, mit der Systeme Jahr-2000-kompatibel gemacht werden können. War ihnen der Ruhestand zu langweilig?

Ich konnte einfach nicht mehr länger untätig zusehen. Ich hatte keine andere Wahl. Und ich muss mein Bestes geben, um das nachzuholen, was ich vor Jahren vielleicht versäumt habe. Letztendlich lebe auch ich in dieser Welt. Geht unsere Zivilisation vor die Hunde, bin ich davon genauso betroffen. Der Computer hat unser Leben nicht nur erleichtert, sondern auch zu einer Trägheit verführt, die wir uns nicht leisten können. Wir sagen, wir hätten keine Zeit zu analysieren, ob das alles eines Tages in die Luft gehen könnte oder ob wir eines Tages nicht mehr den selben Standard haben könnten wie heute. Die Leute wollen einfach nicht wahrhaben, dass es eine Rezession geben könnte. Aber wir müssen diesen möglichen Folgen ins Auge sehen und sie damit konfrontieren.

Sie reisen quer durch die USA und um die ganze Welt und halten Reden zum Jahr-2000-Problem. Haben sie das Thema nicht langsam satt?

Wie gesagt, ich habe keine andere Wahl. Aber ich rede ja auch nicht ausschliesslich über den "millenium bug". Der ist doch nur ein Symptom für ein viel grösseres Problem: Wir haben uns abhängig gemacht von einer Technologie, die wir nicht beherrschen. Und jeder kann ein Programm entwickeln, egal wie begabt er ist. Wir testen nicht, ob diese Programmierer Haare flechten können. Wir testen nicht, ob sie etwas von Anatomie verstehen. Wir testen nicht, ob sie etwas von der Rechtslehre verstehen. Wir testen sie überhaupt nicht, und dennoch vertrauen wir ihnen unser Leben, unsere Unternehmen, unsere Existenz an. Unternehmen greifen sich einen einzigen Programmierer, und der wird etwas entwickeln, das Tausende von Leute tangieren wird. Aber sein Wissen ist Welten kleiner als das Kollektivwissen von Tausenden von Leuten. Jeder kann ein Programm schreiben und es verkaufen. Es ist ein Werkzeug, und Werkzeuge können missbraucht werden. Wir brauchen Gesetz und Bestimmungen, um den Einsatz dieser Werkzeuge zu regulieren.

Regulierung für die Software-Industrie?

Ja. Diese Werkzeuge müssen reguliert werden. Programmierer müssen besser ausgebildet werden. Sie müssen über die Bereiche und Situationen, in denen ihre Software eingesetzt wird, bestens Bescheid wissen. Wie sonst sollen sie entscheiden, welche Sicherheitsparameter eingebaut werden müssen?

 

 

[ Robert Bemer ]

Robert Bemer (79) schrieb 1959 grosse Teile der Programmiersprache COBOL, die zur Lingua franca für Business-Computer wurde. Der Amerikaner entwickelte sie zusammen mit der Software-Legende Grace Murray Hopper, die vor ihrer Computerkarriere Offizier der U.S.Navy war. Um kostbaren Speicherplatz zu sparen, beschränkten die COBOL Programmierer die Datumsangabe auf sechs Stellen: Zwei für den Tag, zwei für den Monat, zwei für das Jahr. Folge: Das Jahr-2000-Problem. Zu Bemers Erfindungen gehören die "Escape" - Taste und der ASCII-Code.


 
Source: "de:bug #25, Juli´99, page: 27" (www.de-bug.de)